Offener Brief an Frau Kast-Zahn

Am 12.09. habe ich auf unserer Facebookseite einen Brief an die Autorin Frau Kast-Zahn des Buches    " Jedes Kind kann schlafen lernen" veröffentlicht. Anlass war ein mit Spiegel online geführtes Interview  indem sie abermals ihre umstrittene und fragwürdige Methode erklärt. Bei vielen Eltern löst die Vorstellung, ihr Kind sich in den Schlaf weinen zu lassen Unbehagen aus. Auch uns stimmt diese Vorstsellung mehr als traurig.  Aus diesem Grund ist in einer schlaflosen Nacht dieser Brief entstanden.

 

Sehr geehrte Frau Kast-Zahn,

ich habe Ihr Interview mit Jörg Römer, dass sich auf Ihr Buch " Jedes Kind kann schlafen lernen" bezieht, auf Spiegel online gelesen, und kann einfach manche Ihrer Aussagen nicht unkommentiert stehen lassen bzw. hinnehmen. Da auch ich einer dieser Mütter bin, die ihre Methode sehr wohl als Folter ansieht und "ideologisiere", möchte ich Sie auch gerne wissen lassen, warum ich dies tue. Noch mehr hoffe ich allerdings, dass viele Eltern meinen Brief an sie lesen und so hoffentlich Ihre denkwürdigen Methoden hinterfragen!!

Sie sagen in dem Interview, dass sie Ihrem Kind "schlechtes Schlafen beigebracht" haben, da sie 7x nächtlich aufstehen und stillten mussten.
Nun, eigentlich sollte man von jemanden, der sich mit dem Thema Kinderschlaf auseinandersetzt, erwarten, dass er auch um die biologischen und evolutionären Hintergründe weiß. Leider erwecken Sie den Eindruck, dass dies bei Ihnen nicht der Fall ist. Sonst wüssten Sie dass es eigentlich völlig normal ist, dass Babys gerade nachts öfters Nahrung und Nähe verlangen. Oder wie erklären Sie sich die Tatsache, dass gerade nachts der Prolaktinspiegel (Prolaktin fördert die Milchbildung) am höchsten ist? Warum sollte dies von der Natur so eingerichtet sein? Was ist mit der Tatsache, dass der Blutzuckerspiegel absinkt und schon deshalb dafür gesorgt werden sollte, dass dem Körper Nahrung zugeführt wird. Auch wenn es manchmal belächelt wird, wenn unsereins gerne vom "Steinzeitbaby" spricht, zeigen unsere heutigen geborenen Babys doch dieselben angeborenen Verhaltensmuster. Abends und auch nachts waren die einzigen Zeiten, in denen Ruhe einkehrte und Mutter und Baby entspannt die Zweisamkeit genießen konnte und vor allem überhaupt in Ruhe gestillt werden konnte. Dieses Verhalten ist tief in unseren Kindern verwurzelt. Erklären Sie mir doch bitte, warum es nötig sein sollte, einem Kind ein natürliches Verhalten "abzutrainieren“! Wir sind ohnenhin im weltweiten Vergleich eines der wenigen Länder, in denen überhaupt von einem Kind erwartet wird, möglichst früh alleine und eben am besten noch durchzuschlafen! Das heißt für mich in der logischen Konsequenz, dass das Einschlaf- und Durchschlafproblem unserer Babys ein selbstgemachtes, westliches Problem ist. Warum müssen also unsere Kinder dafür büßen??
Eine weitere Aussage von Ihnen ist "Erst als sie alleine einschlafen konnte, konnte sie durchschlafen". Mein 22 Monate alter Sohn schläft gestillt im Familienbett. Und sein "Durchschlafen" (Besser:selbstständiges wechseln von einem Schlafzyklus zum nächsten, Durchschlafen tun nämlich selbst Erwachsene nicht!!) hängt nicht davon ab, dass er gelernt hat alleine einzuschlafen, sondern mit seiner Hirnentwicklung. Auch dieser Aspekt des Kinderschlafes sollte Ihnen bekannt sein.
Die von Ihnen erwähnte Studie hat für mich ebenfalls absolut keine Aussagekraft, da man bei 18-28 Monate alten Kindern (zum Zeitpunkt der Studie zwischen 6-16 Monate alt) unmöglich tatsächliche langfristige negative Auswirkungen untersuchen kann. Ebenso wurde mittlerweile von Fachleuten die Art der Untersuchung des Cortisolspiegels und die damit gewonnenen Erkenntnisse angezweifelt.
Mich würde Ihre Meinung zu der Aussage des Soziologen und Familientherapeuten Paul Suer interessieren, der sagt " Kinder, denen die Verantwortung für ihren Schlaf weitestgehend überlassen wird, haben oft die wenigsten Einschlaf -u. Durchschlafprobleme." Und ganz wichtig auch folgende Aussage: " Mit dem Bett sollten Kinder etwas Schönes verbinden".
In der Regel sagt man, dass Kinder mit ungefähr 5 Jahren in der Lage sein sollten, alleine einzuschlafen. Und im Normalfall tun sie das auch ganz von selber, wenn sie all die Jahre davor die Möglichkeit hatten, ihre natürlichen Entwicklungsstufen zu durchleben. Warum also müssen Babys unter Zwang und Tränen etwas "lernen", was sie, wenn sie soweit sind, sowieso tun werden. Mir erschließt sich hier wirklich nicht der Sinn.
Auch sollten Sie so fair sein und erwähnen, dass Ferber selber mittlerweile bedauert, dieses Schlafprogramm an die Öffentlichkeit gebracht zu haben. Ich möchte auf keinen Fall abstreiten, dass es Kinder bzw. Babys gibt, die mehr als die normale Einschlafbegleitung brauchen. Aber hier sollte man sich wirklich professionelle Hilfe suchen und nicht das Problem mittels der Methode "lass das Baby sich in den Schlaf weinen" lösen.
Es gibt heute wunderbare Ratgeber von wundervollen Menschen wie Herbert Renz-Polster, Nora Imlau, Nicola Schmidt, Katja Saalfrank, Sibylle Lüpold und noch viele mehr. Ich hoffe inständig, dass Eltern eines dieser wirklich erklärenden, Verständnis schaffenden und liebevollen Büchern in die Hände bekommen, und NICHT das Ihrige, tut mir leid!!
Silke Moach

 

Anmerkung 12.09.2016

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Aussage dass sich Dr. Ferber mittlerweile von seinem Schlafprogramm distanziert so nicht korrekt ist!! Er hat lediglich seine Aussage aus der 1.Auflage seines Buches in Bezug auf das Co-Sleeping widerrufen!! Ansonsten steht er nach wie vor zu seiner Methode. Danke Nora Imlau für den Hinweis!